Nahwärme & Biomasse im Gastgewerbe: Das Erfolgsmodell Wasem Kloster Engelthal
Inhaber Gerhard Wasem im Interview
| Anja Engel
Historische Mauern und modernste Klimatechnik – passt das zusammen? Das GreenSign Gastro zertifizierte Wasem Kloster Engelthal in Ingelheim zeigt eindrucksvoll, dass Denkmalschutz und eine regenerative Energieversorgung ein unschlagbares Team sind. Wir haben mit Geschäftsführer Gerhard Wasem über den lohnenswerten Umstieg auf Hackschnitzel und die Vorteile der Nahwärme gesprochen.
Die Key Takeaways
- Energie-Autarkie: Unabhängigkeit von volatilen Weltmarktpreisen durch regionale Biomasse.
- Effizienz im Denkmal: Flächenheizungen (Fußboden) lösen das Dämmungsproblem in historischen Gebäuden.
- Wirtschaftlichkeit: 95 % Uptime und stabile Energiekosten durch redundante Kesselsysteme.
- Skalierbarkeit: Nahwärmenetze schaffen wertvolle Synergien mit der Nachbarschaft.
Warum das Wasem Kloster Engelthal auf Nahwärme und Biomasse setzt
Wer heute saniert, entscheidet über die Wirtschaftlichkeit der nächsten 30 Jahre. Ein isoliertes Denken in Einzelgebäuden ist dabei oft zu kurz gegriffen, denn die effizientesten Lösungen entstehen meist durch Vernetzung und lokale Kooperationen.
Statt einer Insellösung wurde im Kloster Engelthal ein System geschaffen, das über den eigenen Betrieb hinausstrahlt. Über eine moderne Nahwärmeversorgung werden heute sowohl die betrieblichen Gebäude von Weingut und Kloster als auch die Privathaushalte in der benachbarten Edelgasse zuverlässig und umweltfreundlich mit Wärme versorgt. Durch dieses Netzwerk wird die erzeugte Energie effizient verteilt, was nicht nur ökologisch sinnvoll ist, sondern gleichzeitig einen echten Mehrwert für die Nachbarschaft bietet. Gerhard Wasem hat damit eine Lösung geschaffen, die das Kloster als energetisches Herzstück der Region positioniert.
Was war für euch der entscheidende Auslöser, bei der Sanierung voll auf eine Hackschnitzel-Heizung statt auf klassische Gas- oder Öllösungen zu setzen?
Gerhard: „Die Komplettsanierung des Klosters Engelthal hat uns die einmalige Chance gegeben, bei der Energieplanung auf einem weißen Blatt zu beginnen. Für uns stand schnell fest: Wir wollten eine zukunftsfähige Alternative zu Öl und Gas und das nicht nur aus Kostengründen, sondern auch aus Überzeugung heraus.
Der Rohstoff sollte einfach in Lagerung und Handling sein und uns gleichzeitig unabhängig von wenigen Anbietern und dem volatilen Weltmarktgeschehen machen. Bei Öl und Gas ist man schlicht abhängig von globalen Preisentwicklungen, auf die man keinerlei Einfluss hat. Holz als nachwachsender Rohstoff bietet hier eine ganz andere Unabhängigkeit. Man könnte theoretisch sogar in die eigene Produktion einsteigen. Wenn wir Weinberge roden, besteht beispielsweise die Möglichkeit, das anfallende Holz direkt vor Ort häckseln zu lassen und so ein Abfallprodukt in einen wertvollen Energieträger zu verwandeln.“
Ihr bezieht euer Holz direkt aus der Nachbarschaft: Wie organisiert ihr diesen regionalen Kreislauf und welche Chancen bietet das für eure Öko-Bilanz?
Gerhard: „Wir arbeiten mit einem lokalen Partner zusammen, der die Hackschnitzel unter anderem aus eigenen Abfallprodukten herstellt.
Die räumliche Nähe ist dabei ein entscheidender Vorteil: Hackschnitzel haben im Verhältnis zu ihrer Brennmasse einen vergleichsweise hohen Platzbedarf bei der Lagerung. Dank der kurzen Wege können wir jedoch regelmäßige und bedarfsgerechte Lieferungen unkompliziert organisieren und brauchen keine großen Vorratslager vorzuhalten. Das reduziert nicht nur den Transportaufwand und damit die Emissionen, sondern stärkt gleichzeitig die regionale Wertschöpfung.“
Struktur-Check: Hackschnitzel vs. Fossile Brennstoffe
| Kriterium | Hackschnitzel (Biomasse) | Fossile Brennstoffe (Gas/Öl) |
|---|---|---|
Preiskontrolle | Hoch (regionale Verträge) | Gering (Weltmarkt-Abhängigkeit) |
Logistik | Just-in-time (kurze Wege) | Globaler Importaufwand |
Klimabilanz | Nahezu CO2-neutraler Kreislauf* | Hohe fossile Emissionen |
Krisensicherheit | Hoch durch Redundanz | Riskant (Versorgungslücken) |
*Hinweis: Die Bilanz ist nahezu neutral, da nur das CO2 freigesetzt wird, das zuvor gebunden wurde. In der Gesamtbetrachtung müssen jedoch Ernte und Transport (Vorkette) berücksichtigt werden.
Praxis-Check: Herausforderungen und Tipps für das Gastgewerbe
Viele scheuen den technischen Aufwand bei Biomasse: Wie schlägt sich die Anlage im echten Alltag und wie viel Zeit müsst ihr wirklich in die Wartung stecken?
Gerhard: „Gerade in den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, wie wertvoll die Entscheidung für Hackschnitzel war: Während andere Betriebe mit teils drastischen Kostensteigerungen bei Gas und Öl zu kämpfen hatten, konnten wir unsere Energiekosten sehr stabil halten.
Natürlich ist eine Biomasseheizung, wie jedes andere technische System auch, wartungsintensiv und erfordert entsprechendes Know-how. Aber wir haben vorgesorgt: Da wir mit zwei Brennkesseln arbeiten, können wir bei technischen Schwierigkeiten in der Regel immer eine gewisse Grundwärme sicherstellen. Die Anlage läuft nach unserer Einschätzung mit einer Uptime von rund 95 Prozent. Das zeigt, wie zuverlässig das System in der Praxis funktioniert.“
Ein historisches Kloster ist kein Neubau: Was war die größte Herausforderung bei der Installation und wie habt ihr sie gemeistert?
Gerhard: „Die eigentliche Herausforderung war weniger die Heiztechnik selbst als vielmehr die besonderen Anforderungen einer denkmalgeschützten Immobilie. Eine zusätzliche Dämmung kam weder von außen noch von innen in Frage. Das hätte das historische Erscheinungsbild verändert.
Das bedeutete aber auch, dass eine konventionelle Wandheizung mit Heizkörpern keine sinnvolle Lösung war: Bei ungedämmten Außenwänden würde man zunächst die Wände aufheizen, bevor die Wärme wirklich im Raum ankommt. Das wäre ineffizient und unwirtschaftlich. Deshalb haben wir uns entschieden, in rund 80 Prozent des Gebäudes auf Fußbodenheizung zu setzen. Das gilt sogar für die historisch gepflasterten Klinkersteinböden. Dabei mussten wir natürlich die Belast- und Befahrbarkeit der Böden sorgfältig berücksichtigen.
Insgesamt gleicht eine solche Komplettsanierung in Bezug auf Versorgungsleitungen und Installation im Grunde einem Neubau, was zwar aufwendig ist, aber auch die Möglichkeit bietet, alles von Anfang an richtig zu machen.“
Welchen praktischen Rat hast du für andere GreenSign-Partner, die über den Einstieg in eine regenerative Eigenversorgung nachdenken?
Gerhard: „Unser wichtigster Rat: Holt euch frühzeitig kompetente Beratung. Wir haben von Anfang an mit einem regionalen Energieberater zusammengearbeitet, der uns durch den gesamten Planungsprozess begleitet hat.
Mindestens genauso wertvoll war der direkte Austausch mit anderen Betrieben, die bereits Erfahrungen mit ähnlichen Systemen gemacht haben. Praxisberichte aus dem echten Betrieb sind oft aufschlussreicher. Wer außerdem langfristig denkt und Nachhaltigkeit nicht nur als Imagefaktor, sondern als Teil eines durchdachten Gesamtkonzepts begreift, wird feststellen: Ökologie und Wirtschaftlichkeit schließen sich nicht aus, sie bedingen einander.“
„Praxisberichte sind aufschlussreicher als Hochglanzbroschüren – echte Nachhaltigkeit braucht ein durchdachtes Gesamtkonzept.“ — Gerhard Wasem
Die Wärmewende im Gastgewerbe: Vom Einzelprojekt zur Infrastruktur
Das Beispiel Kloster Wasem räumt mit dem Vorurteil auf, dass ökologische Energieversorgung im Gastgewerbe ein Luxusgut für Neubauten sei. Wer heute in Nahwärmenetze investiert, kauft sich in Wahrheit Planungssicherheit.
Während die CO2-Bepreisung fossile Brennstoffe unkalkulierbar macht, bleibt die Biomasse ein regional steuerbarer Faktor. Besonders das Modell der Nachbarschafts-Versorgung zeigt: Nachhaltigkeit im Gastgewerbe ist kein Einzelkampf. Synergien zu nutzen, bedeutet hier handfeste Kostensenkung für alle Beteiligten.
Wer die energetische Transformation nur als Image-Thema begreift, übersieht den größten Hebel für die eigene betriebswirtschaftliche Resilienz. Echte Nachhaltigkeit beginnt im Heizungskeller und endet in einer starken regionalen Vernetzung.
Tipp: Wer mehr über die technischen Details und die CO2-Bilanz des Projekts erfahren möchte, findet alle Infos in der aktuellen Pressemeldung des Wasem Kloster Engelthal.
Gerhard Wasem ist Unternehmer, Gastgeber und Experte für Data-driven Revenue Management im Veranstaltungsbereich. Nach seinem Bachelor in BWL mit Schwerpunkt Hotel- und Gastronomiemanagement (2016) übernahm er die Geschäftsführung von Wasem Kloster Engelthal – einer etablierten Event Location in der Rhein-Main-Region mit sechs Veranstaltungs- und Tagungsräumen sowie einem Restaurant. Parallel zur operativen Führung des Hauses spezialisierte sich Gerhard Wasem auf die digitale Seite des Eventbusiness: Als Experte für Data Insights und Revenue Management im Veranstaltungsbereich unterstützt er Technunternehmen dabei, ihre Buchungsstrategien datenbasiert zu optimieren und Umsatzpotenziale systematisch zu erschließen.
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