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Hygiene im Hotel - Ein Balanceakt zwischen Schutzmaßnahmen und Nachhaltigkeit

Wo eine ökologisch vertretbare Unternehmensführung noch bis vor wenigen Monaten für jeden Hotelier möglich war, birgt die Umsetzung dessen seit geraumer Zeit neue, unerwartete Herausforderungen. In einer spannenden online Expertenrunde, organisiert vom InfaCert Institut, gingen nun Experten aus der Branche dem Balanceakt zwischen Sicherheit und Nachhaltigkeit auf den Grund. Sie diskutierten darüber, wie sich Hygieneauflagen und Umweltschutz im Hotel bestmöglich vereinen lassen. Hier eine Zusammenfassung der Meinungen und Tipps aus der Branche.

Das sind die Experten:
Michael Bauer - Waldhotel Heppe (Familienbetrieb im Bayerischen Spessart)
Suzann Heinemann – InfraCert Institut (vergibt das GreenSign)
Xenia zu Hohenlohe - Considerate Group (internationale Nachhaltigkeitsberatung)
Verena Jaeschke - Hotel Oderberger Berlin (Privathotelier)
Christian Lohmann – Toskanaworld (5 Hotels in 3 Bundesländern)

Pandemie Hygiene leere Betten

Große Herausforderungen bei der Erstellung und Umsetzung des Hygienekonzepts

Zum einen war es für die Hoteliers schwierig, die Aktualität im Auge zu behalten, da es immer wieder geänderte Auflagen und Neuerungen gibt und das Hygienekonzept stets neu an die aktuellen Bedingungen angepasst werden muss. Zum anderen gab es oftmals auch keine verbindlichen Angaben seitens der Behörden. Es wurden lediglich Checklisten zur Verfügung gestellt. Hilfe gab es, und das wurde von allen Hoteliers lobend erwähnt, von den DEHOGA Verbänden, die nach jeder Pressekonferenz die wichtigen Infos gebündelt haben und Schilder, Listen, Aushänge und Bilder zur Verfügung stellten.

Grundsätzlich war eine frühzeitige Vorbereitung wichtig, weil Personal geschult, Strukturen angepasst und Dinge angeschafft werden mussten. Aber die Schutzmaßnahmen sind für Hoteliers mit einem enorm großen Aufwand verbunden, denn in Bezug auf Wirtschaftlichkeit und Aufwand, bei vielen Mitarbeitern in Kurzarbeit, ist das für jeden schwer zu bewältigen.

Auch gibt es von Bundesland zu Bundeland unterschiedliche Bestimmungen. So kann es für einen Berliner Hotelier ein Wettbewerbsnachteil sein, wenn sein Wellnessbereich geschlossen bleiben muss, während in Sachsen sogar wieder Thermalbäder öffnen dürfen. Aus Gastsicht ist es ja auch verständlich, dass sich für die Regionen mit weniger Einschränkungen entschieden wird.

Freude am Reisen

Reisen kann auch mit „Corona“ Spaß machen!?

Ein weiterer Knackpunkt ist die Kommunikation mit dem Gast. Anfangs waren viele Hoteliers verängstigt – wie reagiert der Gast? Wird die Sicherheit und der Mehraufwand überhaupt wertgeschätzt? Die Schutzmaßnahmen, die ja meist auch Einschränkungen bedeuten, müssen möglichst positiv vermittelt werden. Der DEHOGA hat auch hier Hilfestellung geleistet und Vorlagen zur Verfügung gestellt. Die ideale Kommunikation ist mit Hilfe von Hinweisen bei der Buchungsbestätigung, Pre- und Post-Stay-Mails, Aushängen im Hotel, Wegeleitsystemen mit Schildern und Hinweisen bzw. Aufklärung im Hotelzimmer (als Icon-Sticker oder als Text – der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt) gewährleistet. Letztendlich sitzen alle in diesem „Pandemie“-Boot und wenn der Hotelier Offenheit, Vertrauen und Sicherheit ausstrahlt, bekommt er meist auch Dankbarkeit und Wertschätzung zurück. Der Aufenthalt sollte so positiv wie möglich gestaltet sowie Einschränkungen erklärt werden. Auch in Zusammenhang mit der Nachhaltigkeit ist ein offener Dialog mit dem Gast immer der idealste Weg.

Die Experten hatten hier bislang meist positive Rückmeldungen von Gästen und sehen neuerdings Hygiene und Sauberkeit als wichtigen Marketingfaktor. Die meisten Gäste haben sich bislang auch an die Hygienevorschriften gehalten, mit einigen gab es natürlich auch Diskussionen. Was dabei für die Hoteliers nicht hilfreich ist, sind die unterschiedlichen länderspezifischen Richtlinien. Wie erklärt man einem Hessen, dass in Bayern kein Frühstücksbuffet gestattet ist oder im öffentlichen Bereich ein Mundschutz zu tragen ist, wenn es in deren Bundesland lockerer gehandhabt wird? Das überfordert Hoteliers und Gäste oft und da muss die Politik dringend nachbessern, so die Meinung der Experten.

Gastronomie Hotellerie Schutzmassnahmen

Personalaufwand, Anschaffungskosten der Hygieneartikel und fehlende Einnahmen

Da wir alle erst lernen müssen, mit dieser neuen Situation umzugehen und keiner weiß, wie es sich entwickeln wird, herrscht eine große Unsicherheit. Wieviel Desinfektionsspray muss eingekauft werden? Wie optimistisch darf in die Zukunft geschaut werden und wie lange wird sich Corona noch hinziehen? Grundsätzlich sind die Hygiene- und Schutzmaßnahmen mit großen, unerwarteten Investitionen verbunden und der Lockdown hat eine Unmenge an erwarteten Einnahmen verschlungen. Die Situation ist definitiv nicht einfach und für manche sicherlich auch existenzbedrohend.

Die Prozesse müssen in jedem einzelnen Hotelbereich umgestellt werden. So muss beim Frühstück ohne Buffet die dreifache Menge an Personal zur Verfügung gestellt werden, und das bei einer geringeren Gästezahl und daraus folgenden geringeren Einnahmen. Der neue Aufwand ist enorm und die Hotelmitarbeiter arbeiten an der Belastungsgrenze. Nicht selten fungiert der Hotelier auch als Türsteher, um dort die Gäste an Maske und Desinfektion der Hände zu erinnern und zu überwachen, dass sich jeder an die Schutzbestimmungen hält. Das kann zuweilen belastend sein und kostet viel Zeit.

Die meisten Gäste haben keine Vorstellung von diesem Mehraufwand und den gesteigerten Kosten. Auch angesichts der Rezession und mit jedem 5. Deutschen in Kurzarbeit ist eine Preiserhöhung schlecht umzusetzen. Alle Experten waren sich einig, dass eine Art Hygieneaufschlag wohl auf Unverständnis und Ablehnung der Gäste stoßen würde, und werden diesen daher nicht einführen. Die Preise bleiben bei den Hoteliers der Expertenrunde auch angesichts der Mehrwertsteuer-Senkung gleich, um wenigstens damit wieder ein paar Ausgaben aufzufangen. Die Auslastung ist wichtiger und Zuschläge fördern diese nicht unbedingt. Lieber den Gästen positive Erlebnisse verschaffen und die Hoffnung auf Entspannung ermöglichen, damit die Menschen die Reiselust nicht verlieren. Hier richtet sich der Appell ganz klar an die Branche, jetzt kein Preisdumping zu veranstalten und die Preise stabil zu halten.

Nachhaltigkeit Hotelerie

Vereinbarkeit der Schutzmaßnahmen mit der Nachhaltigkeit

Im Hinblick auf Ressourcenschonung und Umweltschutz gibt es hier sicherlich einen Zwiespalt. Diese ganze Verpackungsarie hat wenig mit Nachhaltigkeit zu tun und zunächst ist es auch fast unmöglich, umweltschonende Alternativen zu finden. Der größere Aufwand, die vielen Einweg-Materialien und das gestiegene Müllaufkommen sind meist schwierig zu umgehen. Da muss man selbst schonmal kreativ werden. Die Experten sehen das als eine wichtige Aufgabe für die nächste Zeit. In einigen Ländern ist ein Frühstücksbuffet wieder erlaubt, was nachhaltige Abläufe wieder möglich macht und Kleinverpackungen reduziert. Auch an der Entwicklung eines virual schützenden und wiederverwendbaren Mundschutzes wird schon, angeregt von einem Hotelier, gearbeitet.

Positive Effekte der Auflagen auf die Nachhaltigkeit gibt es aber auch. So wurden bei der Zimmerausstattung aus hygienischen Gründen viele Verbrauchsmaterialien entfernt (Amenity Sets, Slipper, Nähsets, Bademäntel, Tagesdecken) und nur auf Nachfrage zur Verfügung gestellt. Das spart Abfall, wasserverschwendende Reinigung und Kosten.

Hier weitere Tipps von unseren Experten, wie auch heute Nachhaltigkeit im Hotel umgesetzt werden kann:

  • In der Gastronomie anstatt Tischdecken, lieber abwischbare Platzdeckchen/Aufleger verwenden
  • Das Restaurant nicht in vollem Umfang eindecken, sondern am Pass alles vorbereitet aufbewahren und nur bei Bedarf eindecken (ist auch hygienischer im laufenden Restaurantbetrieb)
  • Digitalisierung stärker fokussieren (Digitaler Check-in, Gästemappe usw. hilft Aufwand und Kosten dauerhaft zu sparen)
  • Immer die Gäste mit einbeziehen und eine Balance finden
  • Zimmerreinigung oder Turn down Service dem Gast zur Wahl stellen, bei Verzicht ein nettes Goodie (Cocktail, Rabatt auf Speisen im Restaurant, etc.) anbieten
  • Zulieferer ansprechen auf nachhaltige Alternativen für Materialien
  • Upcycling, z.B. Baumwoll-Handschuhe oder Masken aus alten Bettlaken – Hoteliers können sich hier regional zusammenschließen und entsprechende Anbieter finden. Kreativ werden!
  • Das eigene gestiegene Müllaufkommen messen, die Behörden darüber informieren und Alternativen fordern
  • Gäste für mehr Eigenverantwortung überzeugen in Bezug auf Infektionsschutz und Nachhaltigkeit („In einem guten Miteinander die Herausforderungen meistern.“)
  • Je nach Bedarf auf Take-aways verzichten, um Verpackungen zu sparen
  • Wenn kein Frühstückbuffet angeboten werden darf, dann beim Portionieren in der Küche auf große Gebinde zurückgreifen und Verpackungen vermeiden

Zukunft Hoffnung Nachhaltigkeit

Teilweise wird auch von den Gästen wieder mehr Nachhaltigkeit gefordert, berichten uns die Hoteliers. Auch das wird sich wieder steigern, denn wenn sich jeder an die neuen Bedingungen gewöhnt hat, wird der Ruf nach Reisen mit gutem Gewissen wieder lauter. Digitale und nachhaltige Strukturen, Regionalität und frische Produkte bedeuten weiterhin einen Wettbewerbsvorteil, da sind sich unsere Experten einig. Sie betonen dazu, dass sogar die meisten Investoren hinter der Nachhaltigkeit stehen und mit einer nachhaltigen Ausrichtung für Betriebe die Finanzierung einfacher wird, und das sogar zu besseren Konditionen.

„Nachhaltigkeit macht Freude und die Auflagen machen sie nur spannender.“, wird sogar betont. Auch das Potential der Mitarbeiter, die viele gute Ideen haben, sollte man stärker nutzen.

Als Fazit wurde klar: Diese Krise bedeutet keinen Stillstand und es wird auch eine Zeit danach geben, wo die aktuellen Themen Nachhaltigkeit und Digitalisierung weiter im Fokus stehen. Mutig und zuversichtlich sein! Dem Gast die Sicherheit geben und gleichzeitig das Thema grünes Reisen nicht vernachlässigen.

Bleiben Sie positiv!
Grüne Grüße aus der Hauptstadt von Anja